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Was hindert’s, dass ich Christ werde?

Taufe, 3. Jahrhundert

Der folgenden Text beruht auf einer freien Rede von mir auf der Synode der Evangelischen Kirche am 8. November 2011 in Magedburg.

Gott wurde im November 2.372-mal aufgerufen. Das sagt mir die Statistik von Wikipedia. Dass ich in Wikipedia nachschaue, hat etwas mit meinem beruflichen Hintergrund zu tun: Ich bin Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland, dem deutschen Förderverein hinter Wikipedia. 2372-mal also suchte und fand jemand Gott in Wikipedia. Das ist nicht schlecht, was die reine Zahl angeht. Es ist aber auch beileibe nicht gut. Um Ihnen einen Vergleich zu geben: Der Artikel über den Popstar Justin Bieber wurde im gleichen Zeitraum 17.089 mal aufgerufen.

Erschreckender noch und für das heutige Thema auch spannender ist folgende kleine Statistik: Der Artikel zum Kirchenaustritt, der sehr genau erklärt, was ich tun muss, wenn ich nicht mehr Mitglied einer Kirche sein möchte, wurde im November 1.269-mal aufgerufen, der gleiche Artikel zum Kircheneintritt, der mir erklärt, wie ich Mitglied einer Kirche werden kann, wurde gerade 37 mal aufgerufen.

Mit diesen grundlegenden Informationen, die ich mir aus meinem Nachschlagewerk der Wikipedia zusammengesucht habe, nähere ich mich der Frage an: Was hindert‘s, dass ich Christ werde? Zunächst fällt mir auf, dass diese Frage im Alltag gar nicht wirklich vorkommt. Außer beim Finanzamt wird man nicht mehr nach seiner Konfession gefragt. Ich erinnere mich nicht, wann ich das letzte Mal gefragt wurde und über eine Konfession gesprochen habe, wann mich jemand gefragt hat, ob ich in einer Kirche bin, ob ich glaube, oder wann ich überhaupt mit jemandem zuletzt über dieses Thema gesprochen habe. Ich habe in Vorbereitung auf den heutigen Termin mich mit Mitarbeitern und Freunden, mit Bekannten und der Familie unterhalten und habe die Frage gestellt: Was hindert‘s, dass ich Christ werde? Früher, als ich vielleicht 18 oder 20 Jahre alt war, hätte diese Frage in meinen Kreisen einen großen Furor entfacht. Aber heute finde ich dieses Engagement, dieses Heftige nicht mehr. Nicht in meinem Freundeskreis, und nicht mehr in mir.

Was ich festgestellt habe, ist eine große Indifferenz in dieser Frage. Keine Positionierung, keine Ablehnung, kein Hinweis auf Kirchenskandale, keine heftigen Ausbrüche oder Kontroversen – sondern nur eine enorm große Indifferenz zu der Frage: Was hindert’s, dass ich Christ werde?

Also, was hindert mich denn nun? Das erste, was mir wirklich in den Kopf kam, ist die Kirchensteuer – ich weiß, es ist fast so etwas wie ein Klischee. Zunächst einmal: Ich halte nichts von der Kirchensteuer, hauptsächlich halte ich sie für schädlich für die katholische und die evangelische Kirche. Denn sie macht satt, sie führt dazu, dass man sich nicht mehr bemühen muss um (finanzielle) Unterstützung. Natürlich sind mir die historischen Hintergründe bekannt, die zur Einführung der Steuer geführt haben. Und natürlich ist die Kirchensteuer auf nicht der Grund, warum ich nicht Christ bin. Die Kirchensteuer ist es nicht und das Geld, das damit zusammenhängt, ist es natürlich auch nicht. Aber es war tatsächlich meine erste Überlegung.

Die zweite Überlegung war, dass es wahrscheinlich wahnsinnig schwierig wäre, Christ zu werden. Was müsste ich denn tun, um Christ zu werden und in die Kirche einzutreten? Und hier wurde ich überrascht. Einmal nach dem Stichwort Kircheneintritt gegoogelt, kommt man tatsächlich zu ganz hervorragenden Informationen. Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland betreute Seite „evangelisch.de“ liefert tatsächlich alle Antworten auf die Fragen, die ich hatte: Wie ist es technisch? Was bedeutet es, wenn ich mich als Mann mittleren Alters taufen lassen wollte? Müsste ich ein Taufkleid anziehen und vor der Gemeinde stehen? Wasser ins Gesicht?
Auch hier liegt es aber nicht an mangelnder Information, oder dass es nicht einfach (genug) wäre, Christ zu werden. Ganz im Gegenteil, ich war sehr überrascht, denn ich hatte eine andere Erwartungshaltung.

Warum stehe ich denn heute überhaupt vor der Frage? Warum bin ich denn nicht Mitglied in einer Kirche? Dazu möchte ich kurz in meiner Biographie eintauchen: Ich bin zunächst einmal kein Christ im Sinne eines Mitglieds einer Kirche, weil ich ein Kind der 68er bin. Mein Bruder ist im Juni 1967 geboren. Mein Vater reiste damals extra in den Nahen Osten, schöpfte Wasser aus dem Jordan, und liess es weihen. Mein Bruder wurde also mit Jordanwasser getauft. Als ich im Februar 1969 auf die Welt kam, sah es schon ganz anders aus: Ich wurde nicht getauft – nicht einmal mit Leitungswasser.

Zwischen der Taufe meines Bruders und meiner Geburt liegen gerade einmal 16 bis 18 Monate. Es hat etwas mit dem gesellschaftlichen Umbruch in dieser Zeit zu tun. Es hat etwas damit zu tun, was in den Jahren 1967 und 1968 passiert ist. Dabei war es gar nicht so, dass ich kirchenfern aufgewachsen wäre. Meine Großeltern waren sehr aktiv in einer fränkischen Gemeinde, bei den Lutheranern. Immer, wenn ich als Kind bei ihnen zu Besuch war, nahm ich selbstverständlich an diesem kirchlichen und christlichen Leben teil. Es war klar, dass vor dem Essen gebetet wurde. Es war selbstverständlich, dass man am Sonntag in die Kirche ging. Für uns gab es den Kindergottesdienst, den ich großartig fand.
Mein Onkel ist Theologieprofessor in Tübingen, und ich erinnere mich an viele Familientreffen und Familienfeiern, auf denen gerade durch ihn grundsätzliche christliche Fragen diskutiert wurden. Und es waren enorm spannende Diskussionen, die er sich mit seinen beiden Söhnen damals lieferte. Auch das hat mich durch meine Kindheit und Jugend begleitet. Mit meinen Eltern war ich auch häufig in Kirchen, und ich erinnere mich, es wurde nicht nur die architektonische Schönheit dieser Kirchen bewundert, sondern es wurde auch gesprochen über die Bedeutung der Symbolik.
Ich bin also nicht kirchenfern aufgewachsen.

Ein erstes Aufmerken, dass da etwas anders ist, wenn ich nicht getauft bin, kam mit der Konfirmation. Um mich herum wurde, obwohl ich in Bremen aufgewachsen bin, links und rechts konfirmiert. Ich nicht. Das führte erst einmal praktischerweise dazu, dass ich keine Geschenke bekam wie alle anderen. Aber es war für mich tatsächlich ein erstes Aufmerken, dass bei mir, ungetauft, etwas anders war. Ohne Taufe keine Konfirmation. Das hat mich allerdings nicht weiter schockiert, aber es war das erste Mal, dass ich mit diesem Umstand konfrontiert wurde.

Ein zweites Aufmerken etwas später war, als mein bester Freund sein erstes Kind bekam und einen Patenonkel suchte. Ich rechnete fest damit, dieser Patenonkel zu werden. Das war für mich eigentlich klar, immerhin war (und ist) er mein bester Freund – und wen sonst würde er denn fragen?
Aber ich wurde nicht Patenonkel des Erstgeborenen meines besten Freundes.
Irgendwann habe ich ihn darauf angesprochen. Für mich war die ultimative Funktion eines Patenonkels, dass er zu allen möglichen Anlässen Geschenke macht und, für den Fall, dass den Eltern etwas passiert, sich um die Kinder kümmert. Das war meine Vorstellung eines Patenonkels, und ich wäre bereit gewesen, diese Rolle auszufüllen. Die Vorstellung meines besten Freundes von einem Patenonkels war freilich eine ganz andere: nämlich die Einführung und Begleitung des Kindes in den christlichen Glauben. Deshalb war es für ihn wichtig, dass der zukünftige Patenonkel seiner Kinder getauft ist. Das war ich nicht.

Ein drittes Aufmerken hat jetzt gerade stattgefunden, denn ich bin vor wenigen Monaten Vater einer Tochter geworden. Und ich stelle mir nun die Frage, wie gehe ich in Zukunft mit dem Thema Glaube und Religion meiner Tochter um. Ich bin verheiratet mit einer Frau, die in der DDR sehr kirchenfern groß geworden ist. Es sind sehr spannende biographische Diskussionen, die wir jetzt führen. Wir sind auch noch nicht 100-prozentig entschieden, aber es sieht so aus, dass wir unsere Tochter zunächst nicht taufen lassen werden. Zumindest jetzt noch nicht. Gleichzeitig möchten wir aber, dass sie weiß, dass Weihnachten nicht einfach nur für die Geschenke da ist und Ostern nicht nur ein langes Wochenende ist, sondern dass hier eine Tradition fortwirkt, mit der wir sie auch in Verbindung bringen möchten. Ich sehe es auch als meine Aufgabe, dass ich meine Tochter an diese christlichen Wurzeln heranführe und ihr die Möglichkeit gebe, sich irgendwann einmal selber zu entscheiden und nachzuschauen, wie man sich denn taufen lassen kann. Ich glaube, das wird der Weg sein, den wir einschlagen werden.

Also: Dreimal aufgemerkt, dass Vieles etwas anders ist, weil ich nicht getauft bin. Das Interessante in der Überlegung auch für den heutigen Termin war, dass ich tatsächlich die ganze Zeit bei der Frage, was hindert’s, dass ich Christ werde, darüber nachgedacht habe: Warum bin ich eigentlich nicht in der Kirche, was hindert mich eigentlich daran, Mitglied Ihrer Institution zu sein?
Die Frage war gar nicht einmal: Was hindert mich daran, Christ zu werden? Glaube bedeutet für mich nicht Trost in schweren Situationen. Ich habe schwere Situationen erlebt, aber ich habe nicht den Eindruck, dass der Glaube mir dabei hilft. Glaube bedeutet für mich nicht Weihnachten und einmal im Jahr in die Kirche gehen und beten. Aber Glaube und Kirche als kulturelle Institution bedeuten für mich Philosophie und Kultur, bedeuten für mich Symboliken des christlichen Glaubens, bedeuten für mich Kirchendienst, Kirchenmusik und bedeutet für mich in Berlin insbesondere Gottesdienst. Ich gehe gerne in Berlin in den Dom, der großartigen Predigten wegen. Und, weil es anregend ist, einem Gottesdienst beizuwohnen, voller sehr schöner und erhebender Momente. Das nennt man wohl Spiritualität.
Ich habe dabei eine sehr große Bewunderung für Menschen, die sich einer Sache hingeben können. Ich weiß, dass das auch nah am Fanatismus sein kann. Aber es gibt diese positive Wendung: Seitdem ich denken kann, habe ich eine große Bewunderung für Nonnen und Mönche, Menschen, die sich tatsächlich ihrem Glauben hingeben können. Das ist nicht mein Weg, aber ich bewundere diese Menschen.

Somit stellt sich für mich die Frage: Was hindert’s, dass ich Christ werde? gar nicht. Auch wenn ich nicht getauft bin, so glaube ich, und so würde ich mich auch als Christ bezeichnen. Als ich mit meinem Vater telefonierte, und ich ihm diese Frage stellte, war seine erste Reaktion dazu: „Wenn ich jetzt fragen würde: Bist du Christ oder bist du kein Christ, würdest du wirklich sagen, du bist kein Christ?“
Nein, das würde ich nicht sagen. Natürlich nicht.
Die Frage „Was hindert’s, dass ich Christ werde?“ ist nicht meine Frage, denn für mich ist sie längst beantwortet. Nichts hindert mich, aber – und das ist die Frage, die ich gerne an Sie, an die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zurückgeben möchte – was lockt mich denn, in Ihre Kirche einzutreten? Es ist keine Ablehnung gegen diese Institution, es ist keine Reaktion auf irgendwelche Skandale, es sind nicht die skandalöse Äußerungen des Papstes, es sind nicht Dinge, die ich benennen kann, die mich daran hindern, einzutreten. Es ist – und das finde ich, ehrlich gesagt, viel schlimmer – eine große Indifferenz.

Ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich weiß auch nicht einmal, warum ich nicht Mitglied der Kirche werde. Ich weiß es nicht, weil ich nicht weiß, was mich daran locken sollte, in diese Kirche einzutreten. Ich brauche – lassen Sie mich das zum Schluss so zuspitzen – Kirche für meinen Glauben, für mein Christsein nicht.

Ich frage mich und ich frage Sie, denn Sie sind die Evangelische Kirche in Deutschland:
Wofür braucht denn die Kirche mich?

3 Kommentare

  1. Zum Glaubensbekenntnis gehört die „heilige christliche Kirche“ und die „Gemeinschaft der Heiligen“. „Christsein ohne Kirche“ ist das große Missverständnis unserer Gesellschaft. Man ist dann nicht Christ, man findet dann halt ein paar Jesus-Worte ganz gut, oder geht gerne in den Berliner Dom (solange andere für den Pfarrer und Organisten bezahlen). Aber zum Christsein gehört die Gemeinschaft ganz einfach dazu. Die muss nicht eine ev. Landeskirche sein. Aber sie kann es sein.

  2. Was hindert mich, lieber Pavel, aus der Kirche auszutreten? Die Frage stellte sich mir, nachdem ich Deine Ausführungen gelesen habe. Oder anders gefragt: Kann ich, die ich mich nicht als Christin begreife, Mitglied in der Kirche bleiben?
    Meine christliche Sozialisation lief, abgesehen von der Taufe, wie bei Dir: Kindergottesdienst, Kinderchor, Quempass-Singen, Krippenspiel. Abendgebet. Aber schon als kleines Kind war der „Kern“ meines Glaubens der in der Kinderseele allmächtige, allgegenwärtige Gott, eher alttestamentarisch. Nachdem ich zum ersten Mal bewusst das Glaubensbekenntnis reflektiert hatte, war mir sehr klar: Das kann ich nicht glauben. Lies Dir doch mal das Glaubensbekenntnis durch, lieber Pavel und frage Dich dann noch einmal: Bin ich wirklich ein Christ ?
    Und trotzdem bleibe ich Mitglied der Evangelischen Kirche. Warum? Und hier kann ich nur die Gründe wiederholen, die auch Du angeführt hast: die Traditionen des christlichen Abendlandes nicht zu kennen und zu transportieren- das wäre für mich ein zu großer kultureller Verlust.

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