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Oh, der Mindestlohn ist da…..

Seit Anfang des Jahres gibt es bekanntlich auch in Deutschland einen Mindestlohn. Als bekennender Sozialdemokrat finde ich das gut; gerade in den geringen Einkommensbereichen funktioniert der freie Markt ganz offensichtlich nicht. Das Angebot an billiger Arbeit ist größer als die Nachfrage – zum Schaden des Mitarbeiters (und, noch häufiger: der Mitarbeiterin). Naja, vielleicht zeugt das gerade davon, dass dieser freie Markt funktioniert. Aber gesellschaftlich ist es ein Problem, wenn Menschen von einem Fulltimejob nicht mehr leben können (wen es interessiert: der derzeitige Mindestlohn von 8,50 bedeutet bei einer 40 Stundenwoche ein Bruttogehalt von 1.473 €, von denen bei Steuerklasse 1, keine Kirchensteuer, keine Kinder, Wohnort Berlin rund 1.083  € übrig bleiben. Netto bleiben also von einer Stunde Putzen, Verkaufen, Pflegen, Bauen, Bewachen gerade mal 6,25 € die Stunde oder 50 € am Tag zum Leben (vor Miete) übrig. Und das mit dem Mindestlohn seit 1.1.2015 – vorher war es noch schlimmer).

Was siKonsequenzes des Mindestlohnnd die Konsequenzen? Die Preise für Dienstleistungen steigen. Meine Reinigung, die seit 2007 genau 0,99 € pro gewaschenem und gebügeltem Hemd haben wollte, hat die Preise erhöht. Nun kostet es 1,49 € – und der Betreiber ist mit einem Brief an uns Kunden in die Offensive gegangen. Zwar gehe ich davon aus, dass die Hemden nach wie vor nach Polen geschickt werden und dort kein Mindestlohn besteht; aber für die Mitarbeiterinnen vor Ort gilt er. Sie verdienen seit dem 1.1.2015 nun 1.473 € im Monat. Gut so!

Bei Frisören kann ich mangels Haaren nicht mitreden; mein türkischer Barbier nimmt immer noch nur 10 € für meinen Haarschnitt – er braucht aber auch nur etwa vier Minuten dafür, was irgendwie kein ganz schlechter Stundenlohn sein sollte…..

Zurück zu den Konsequenzen: Ich kenne keine Statistiken, aber ich habe den Eindruck, dass deutlich mehr Geschäfte zumachen seit dem 1.1. diesen Jahres. Der 2001-Laden in der Kantstraße machte am Samstag zu, die Videothek in der gleichen Straße Ende des Monats. Das Solarium verkauft gerade sein Inventar und der Humana-Secondhand-Laden schließt ebenfalls die Tore. Vier Läden allein in der Kantstraße – und vier Läden, die es jeweils schon sehr lange gab. (Und selbst der Perseteppich-Händler bietet 50% auf alles wg. Geschäftsaufgabe (zugleich feiert er „Geschäftsaufgabe seit 1975“, aber das ist etwas für einen anderen Blogpost). Seht Ihr ähnliches in Eurem Kiez?

Ich beklage das jetzt nicht; in den meisten dieser Läden war ich nie, und nirgendwo war ich Stammkunde. Da habe ich kein Recht, mich zu ärgern. ABER: Wenn es wirklich am Mindestlohn liegt – dann heisst das doch, dass eine Reihe von etablierten Geschäftsmodellen (Billigbücher verkaufen, DVDs verleihen, Hautkrebs begünstigen, etc.) nur deshalb funktioniert haben, weil a) die Mitarbeiterinnen ausgebeutet wurden und b) wir Steuerzahler via Hartz IV-Aufstockung draufgezahlt hat (verdient man weniger als 1.200  € brutto, so bekommt man auch als Arbeitnehmer einen Zuschuss aus den Hartz IV-Mittel – das nennt sich Aufstockung). Warum soll ich, bitte schön, den Solariumsbesuch mitbezahlen? Warum sollte ich dafür Steuer bezahlen, das jemand billige DVDs leihen kann? Nein, wenn ein Geschäftsmodell sich nicht trägt, d.h. wenn es nicht Kapital und Arbeit und Kunden (das ist übrigens in Kurzform das, wofür ein Sozialdemokrat steht) glücklich macht – dann funktioniert es halt nicht und gehört gekillt. (Übrigens zeigt dies auch, dass der oben zitierte freie Markt tatsächlich nicht funktioniert in diesen Fällen. Denn wenn ich mein Produkt nicht zu einem kostendeckenden Preis (plus Marge) verkaufen kann, sondern auf dauerhafte Subventionen (hier: Hartz IV-Aufstockung) angewiesen bin, dann habe ich kein Geschäftsmodell).

5 Kommentare

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  2. Ich bezweifle, dass die Mitarbeiter jetzt € 1473,- verdienen. Einerseits gibt es zahlreiche Ausnahmen, die eine Nichtanwendung ermöglichen, andererseits und hier sicherlich zutreffend stellen Pfennigfuchser keine Vollzeitkräfte ein, sondern schließen Teilzeitverträge (wenn nicht gar Werkverträge) für die Lastspitzen, wo der Arbeitnehmer dann an jedem Tag ein paar Stündchen bezahlt wird, damit aber weder aus der Aufstockung noch dem Prekariat entfliehen kann. Aber die Zielgruppe des Mindestlohnes sind ja auch nicht diejenigen, die zu diesen Konditionen tatsächlich arbeiten müssen, sondern jene, die für ein gewaschenes und gebügeltes Hemd und ein seit dem 1. Januar reines Gewissen € 1,49 zahlen können.

    • Bezüglich des letzten Teils stimme ich Dir völlig zu. Der Mindestlohn ist eine Erinnerung daran, was Arbeit und Dienstleistungen wert sind bzw. wert sein sollten. Ähnlich wie beim Fleisch, wo die Kosten für billige Ware auch nicht in das Produkt eingepreist sind, sondern gesellschaftlich getragen werden, durch Überdüngung, Tiequälerei und ein moralisches Versagen gegenüber dem Tier.
      Sicher hast Du Recht, dass die meisten Menschen in den betroffenen Dienstleistungen keine 40 Stunden-Wochen haben; dies ist aber auch sehr oft der Fall, weil die Lebensumstände dies auch nicht möglich machen. Für den Betreiber wäre eine 40 Stunden-Kraft sogar wirtschaftlicher als zwei 20 Stunden-Mitarbeiterinnen.

  3. „Der 2001-Laden in der Kantstraße machte am Samstag zu, die Videothek in der gleichen Straße Ende des Monats. Das Solarium verkauft gerade sein Inventar und der Humana-Secondhand-Laden schließt ebenfalls die Tore.“

    Das sind nun aber mindestens drei Beispiele für Geschäftsmodelle, die ohnehin nicht mehr funktionierten. Zweitausendeins ist mit oder ohne Mindestlohn auf dem Rückzug und hat es nicht geschafft, eine neue Generation von Kunden heranzuziehen (und schon gar keine für die Läden), woran Eigentümerwechsel und Neuausrichtungen auch nichts änderten, im Gegenteil. Die Läden in München und Hamburg wurden 2013 geschlossen… also vor dem Mindestlohn.

    Videotheken braucht aus technischen Gründen kein Mensch mehr, und die Zahl der Besucher der Hautkrebsmaschinen sinkt seit Jahren (siehe z. B. http://www.welt.de/wirtschaft/article113856353/Sonnenstudios-steuern-auf-ein-Schattendasein-zu.html )

  4. Die Meinungen zum Mindestlohn gehen ja immer noch in die unterschiedlichsten Richtungen, aber klar ist, dass sich in diesem Bereich etwas tun musste und daher sehe ich die Einführung als sehr wichtigen Schritt an. Dennoch, das Thema ist damit noch lange nicht beendet, denn hier muss sich auch in Zukunft noch einiges mehr verändern, damit Menschen wieder vernünftig entlohnt werden und auch davon leben können.

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