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Journalismus ist zu teuer – Und Wikipedia ist die Lösung

Gestern Abend war ich bei einer Veranstaltung mit dem wunderbaren und von mir seit vielen Jahren geschätzten Stefan Niggemeier. Er sprach dort mit einem der Gründer von Steady, einem Dienst, der es Medienmachern, Podcastern, Newsletterschreiber und Bloggern ermöglicht, ihre Medienprodukte zu monetarisieren. Das haben zuvor schon viele versucht, und es bleibt abzuwarten, ob Steady gelingt, woran andere schon scheiterten.

Guckt man sich so auf der Steady-Seite um, zeigt sich bereits schnell ein gewisser Trend: Ohne das statistisch ausgewertet zu haben scheint es mir doch, als würden viele Medien dort so um die 3 oder 4 Euro pro Monat von ihren Lesern / Hörern / Nutzern erbitten bzw. erwarten. Und ich finde, dass ist zu teuer.

Was, so höre ich Euch jetzt rufen, 3, 4 Euro, dass ist doch nichts für die großartigen Satiren des Postillion (4,98€ / Monat), BILDBlog (3,50€ / Monat) oder Übermedien(3,66€ / Monat), der journalistischen Heimat von Stefan Niggemeier.

Doch, das ist zu teuer.

Und der Grund dafür ist die fragmentierte Medienlandschaft. Früher ™ hatte ich die Süddeutsche Zeitung abonniert, für (aktuell) 64,90€. Dazu die GEZ-Gebühren von 17,50€ / Monat und fertig war mein Medienbudget. 82,40€ pro Monat würde ich auch heute noch für Medien ausgeben. Nur das eben so viel mehr Angebote um dieses Geld konkurrieren:

  • Handyvertrag: 66,95€ / Monat
  • Kabel / Internetanschluss: 40,50€ / Monat
  • Netflix: 7,99€ / Monat
  • Amazon Prime / Video: 7,99 / Monat
  • GEZ: 17,50€

Zugegeben, diese 140,93€ sind nicht ausschließlich Medienkosten. Ich nutze mein Handy auch beruflich, kriege via Amazon Prime Pakete und der Kabelanschluss dient ja auch dem Fernsehgucken. Aber auch wenn ich 50% der Kosten als Mediennutzung definiere, komme ich immer noch auf 70,47€ im Monat. Nehme ich die oben aufgeführten 82,40€ als Benchmark, so verbleiben als „freies Budget“ für Mediennutzung im Monat noch 11,94€.

Diese 12€ kann ich nun aktiv verteilen unter den Medien, die ich nutze: Für 4€ habe ich die New York Times abonniert, weil ich gerne eine internationale Perspektive haben möchte. Die restlichen 8 Euro würde ich jetzt gerne aufteilen zwischen Podcasts, Webseiten, Blogs und Newslettern, die ich gerne nutze und die ich auch finanziell unterstützen möchte. Aber da reden wir von vielleicht 0,5€ im Monat, die ich tatsächlich bezahlen würde. Das ist sehr weit weg von dem, was Stefan Niggemeier braucht, um seinen großartigen Journalismus machen zu können.

Und was wäre nun die Lösung? Skalieren ist eine Möglichkeit. Wer erinnert sich noch daran, dass das Geschäftsmodell von WhatsApp mal darin bestand, dass jeder Nutzer 1$ pro Jahr bezahlen sollte? Bei 1 Milliarde Nutzern wäre das ein ganz ordentlicher Umsatz geworden. Natürlich ist der deutsche Markt für Medienjournalismus etwas kleiner – aber wäre es nicht mal einen Versuch wert? Also ein Abomodell, das man einfach abschließen kann und das eben gerade mal 50 Cent im Monat kosten würde? Derzeit hat Übermedien bei Steady 2.930 Mitglieder. Unterstellt, das alle das günstigste Abo abgeschlossen haben (3,66€ / Monat) sind das monatliche Einnahmen von 10.723,80€. Bei nur 50 Cent pro Abonnent bräuchte es 21.500 Menschen, die monatlich geben, um auf den gleichen Betrag zu kommen. Klingt erst einmal viel – aber es sind nicht einmal 10% der Twitter-Follower, die @niggi hat. Und sofort sieht das nicht mehr ganz so unmöglich aus, oder?

Bündeln wäre eine weitere Möglichkeit: Ich wähle, sagen wir 20 oder 30 Seiten / Podcasts / Newsletter / Whatebber aus und überweise diesen pro Monat 2/3 meines freien Medienbudgets von 8€ (der Rest wäre für Angebote, die ich ad hoc nutzen möchte). Wichtig wäre dabei natürlich, dass ich das Bündel zusammenstelle, also nicht aus einem festen Angebot auswähle, sondern fröhlich Seiten zusammenstelle, mein Geld überweise und *jemand* kümmert sich um die Verteilung an „meine“ Seiten.

Für beides braucht es Angebote, die sogenannte Mini-Payments erlauben: Schnell und einfach kleine Beträge an eine Seite zu übergeben. Ich will einen Artikel in der Süddeutschen lesen, klicke irgendwo drauf, und schwupp sind 15 Cent bezahlt und der Artikel freigeschaltet. Und es würde natürlich bei den Anbietern voraussetzen, dass sie die Preise radikal senken und alles auf die Karte Skalierung setzen. Das ist ohne Frage ein Risiko – aber es bieten sich eben auch tolle Chancen: So könnte ein Medienangebot seine Preise auch dynamischer gestalten. Besonders populäre Beiträge oder Podcast-Episoden kosten dann eben 50% mehr (was beim Beispiel des SZ-Beitrags dann auch „nur“ 22,5 Cent wären). Quasi ein Surge Pricing für Medien. Auch würde die Schwelle zum Abschluss eines Abos deutlich sinken – und da der Mensch träge ist und ein bestehendes Abo, noch dazu eines, das eben nur wenige Cent im Monat kostet, nicht so schnell wieder kündigt, kann ich mir auch vorstellen, dass stabilere und höhere Einnahmen möglich wären.

Und wer sollte diese Infrastruktur aufbauen für diese Mini-Payments? Zum Beispiel die Wikimedia Foundation, die ihr alle kennt als Betreiberin der Wikipedia. Jetzt gerade wieder wirbt sie um Spenden, was auch sehr erfolgreich klappt. Im Schnitt spenden die Menschen 22,81€, was ein enormer Wert ist und allein in den letzten 31 Tagen mehr als 5,7 Millionen Euro in die Kassen gespült hat – allein in Deutschland! (Mehr Infos zur laufenden Kampagne). Diese 250.000 Spender in einem Monat relativieren sich aber enorm angesichts von rund 1 Milliarde Seitenaufrufen im gleichen Zeitraum.  Es ist nicht ganz klar, wie viele Unique User die Wikipedia in Deutschland hat (darum) – aber nimmt man die Metrik „Unique Devices“, also die Anzahl der einzelnen Geräte, die auf die Wikipedia zugreifen, dann sind wir bei rund 100 Millionen pro Monat. Wie auch immer man es misst – die Zahl der Spender ist verschwindend gering im Verhältnis zu den Nutzern der deutschen Wikipedia.

Die Abhängigkeit von einigen wenigen Spendern wird damit enorm. Sollte einmal mitten in der Weihnachtskampagne etwas unvorhergesehenes geschehen (eine große Katastrophe etwa, die die Spenden auf sich zieht, oder auch ein Wikipedia-Skandal), die Gefahr für einen Einbruch in der Spendenbereitschaft wäre sehr hoch.

Hätte die Wikipedia ein System, dass eine einfache Spende innerhalb eines Artikels ermöglichen würde, und dies das ganze Jahr über, so wäre dieses Risiko einigermaßen im Griff. Stellt Euch vor, ihr lest einen Wikipedia-Artikel und spendet quasi automatisch 1 Cent dafür. Mittels eines Browser-Plugins etwa, oder durch eine anderes System. Das wäre enorm niedrigschwellig und könnte zu ungleich höheren und, vor allem, dauerhafteren Einnahmen führen. Und zugleich könnte die Wikimedia Foundation die Technik hinter einem solchen System anderen zur Verfügung stellen – sei es umsonst als Beitrag für ein Freies und Offenes Internet, oder als Dienstleistung zur Generierung von Einnahmen.