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Ihre Zahlung konnte leider nicht autorisiert werden – ein Rant

Ich bin am Verzweifeln. FinTech ist in aller Munde, bezahlen mit dem Handy ist der nächste heisse Scheiß. Milliardenbewertungen für Startups, diFile:NFC-N-Mark-Logo.pnge mobiles Bezahlen ermöglichen, Banken, die nach der Finanzkrise nach neuen Möglichkeiten suchen, Mobilfunkprovider, die margenträchtige Premiumdienste anbieten wollen…
…und dazwischen ich – nicht nur relativ schachmatt.

Was möchte ich? Mein Aldi-Markt gegenüber bietet seit einiger Zeit kontaktloses Bezahlen an. Bis 25 Euro sogar ohne Eingabe einer PIN. Und das würde ich gerne nutzen. Ich habe drei Girokonten, zwei EC-Karten, vier Kreditkarten und ein nagelneues Handy. Kann ja nicht schwer sein, oder?

Nun ist es ja so, dass Aldi ausgesprochen zurückhalten ist, bevor eine neue Technologie eingeführt wird. Es dauerte lange, bis Scannerkassen so weit waren, dass sie für Aldi einen wirtschaftlichen Vorteil boten (u.a. musste sichergestellt sein, dass alle Artikel beim ersten Versuch erkannt werden. Wer schon mal bei Karstadt an der Kasse darauf gewartet hat, dass die Kassiererin den 13-stelligen Zahlencode von einer langsam abtauenden Tüte Scampis abgetippt hat, weiss, dass das nicht unwichtig ist – für Kunden und Kassierer!). Und auch bei der EC-Kartenzahlung war Aldi eher zurückhaltend, da die Kosten zu hoch waren, und der Bezahlvorgang an der Kasse viel zu lange dauerte. Wie die Gebühren für Aldi heute aussehen, weiss ich natürlich nicht, aber ich kenne keine Kasse, an der eine EC-Karte so schnell akzeptiert wird wie bei Aldi. Und noch nie musste ich da unterschreiben, alles geht immer per PIN.
Soweit, so gestern. Aber seit einiger Zeit bietet eben ausgerechnet Aldi, die sonst so zurückhaltend sind, eine echte Neuerung an, die es so kaum gibt im Einzelhandel: Kontaktloses Bezahlen. Dazu kann man entweder sein NFC-fähiges Handy verwenden, oder eine EC-/Kreditkarte mit NFC-Funktion. Ich besitze ein solches Handy, und ich habe eine EC- und mehrere Kreditkarten. Super, dachte ich. Und nun kann ich bei Aldi mit NFC bezahlen? Dass muss doch zu einem Riesenboom führen, und die Anbieter schlagen sich drum, meine Einkäufe bei Aldi abzurechnen! Aber ich hatte die Rechnung ohne die Berliner Sparkasse und ohne die Deutsche Telekom gemacht.

Erster Versuch: Laut Aldi-Website gilt: „Voraussetzung für kontaktlose Zahlungen ist eine NFC-fähige Maestro- oder V-Pay-Debitkarte oder ein NFC-fähiges Smartphone.“ Nun, ich habe natürlich eine Maestro-Karte, und zwar meine EC-Karte von der Berliner Sparkasse. Die wird ja, so denke ich mir, NFC-fähig sein, schließlich hat die Sparkasse ja ein Interesse daran, dass ich möglichst viel über diese Karte bezahle, und nicht etwa eine Kreditkarte nutze. Pustekuchen.
Zunächst fragte ich die Berliner Sparkasse nach NFC-fähigen EC-Karten im September 2015, mit der Antwort: „Für EC Karten derzeit nicht geplant“.

Als ich dann einige Monate später eine Werbung meiner Sparkasse sah, die das kontaktlose Bezahlen als „Zukunft“ bezeichnete, hab ich es einfach nochmal probiert:

(Wenn jemand weiß, wie ich diese Tweets inklusive der Replys der Sparkasse hier einbinde, der melde sich bitte in den Kommentaren! Dieser Weg funktioniert leider bei mir nicht.)
Das Ergebniss war das gleiche: Machen wir nicht, haben wir auch nicht vor zu machen.

Nun, so schnell gebe ich nicht auf: Schließlich kann mein Handy ja NFC, und da wird es ja wohl eine App für geben, mit der ich genau dieses Telefon zum Bezahlen benutzen kann? Der Vorteil liegt tatsächlich auf der Hand: In der Schlange vor der Kasse habe ich eh mein Telefon in der Hand, dann brauch ich zum Bezahlen nix mehr anderes rausholen – Handy ran und raus bin ich, mit bezahlter Ware.
Es ist aber scheinbar so, dass Bezahlen mit dem Handy aus irgendwelche Gründen nur mit Apps funktioniert, die vom Handyprovider kommen, bei mir also von der Deutschen Telekom. Offensichtlich gibt es eine Verbindung zwischen meinem Handyvertrag und meiner Fähigkeit, per Handy zu bezahlen. Super, denke ich mir, dann werden meine Einkäufe in Zukunft via Handy-Rechnung bezahlt. Das finde ich zwar nicht ideal (weil ich meine Bezahlvorgänge gerne über mein Girokonto laufen lasse, um den Überblick zu behalten), aber was solls, ausprobieren kann man es ja mal.

Ja, oder auch nicht. MyWallet heisst das bei der Telekom, was ich brauche. Installiere ich also auf meinem Handy, nur um dann zu erfahren, dass meine SIM-Karte nicht NFC-fähig sei. Komisch ist das, mein Vertrag ist ja erst einige Monate alt. Aber ok, fix eine neue, NFC-fähige Karte bestellt (die kommt dann auch kostenlos innerhalb von zwei Tagen), und ins Gerät eingelegt. Nun kann ich die App nutzen – nur um festzustellen, dass ich keineswegs über die Handyrechnung bezahlen kann. Auch nicht über eine meiner zahlreichen Kreditkarten. Was ich brauche ist eine „MyWallet Card“, die ich von einer Firma namens Clickandbuy bekomme. Noch  eine Kreditkarte also, denke ich? Aber wieder: Pustekuchen. Denn die „MyWallet Card“ ist eine Karte auf Guthabenbasis – ich muss also stets vorab dort Geld einzahlen, bevor ich es ausgeben kann. Völlig egal, dass ich mehrere Kreditkarten, Girokonten und einen Laufzeitvertrag bei der Telekom habe – zum Bezahlen bei Aldi reicht mein Scoring nicht aus.
Da wundert es jetzt auch nicht, dass sich das System von „MyWallet Card“ nicht so wirklich durchsetzt – Die Telekom, zu der Clickandbuy gehört, hat jüngst angekündigt, den Dienst vollständig einzustellen. Was das für MyWallet und das Bezahlen via Handy für Telekomkunden bedeutet? Keine Ahnung, es scheint auch keinen zu interessieren, wahrscheinlich weil niemand den Dienst überhaupt nutzt.

Also, Google hochgefahren und nach Alternativen geguckt. Nochmal zur Veranschaulichung: Ich möchte mit einem topaktuellen Handy einen Dienst bei Deutschlands größtem Discounter Aldi nutzen. Nicht mehr, nicht weniger – kann doch nicht so schwer sein?
Da taucht aus dem Google-Nebel ein Hoffnungsschimmer auf: mpass! Unabhängig vom Handyprovider, kostenlos, einfach via Web anzumelden, und funktioniert sogar mit JEDEM Handy. Wow, denke ich mir, und melde mich an.
Doch was ist das, was da in meiner Bestätigungsmail steht? „Ihren mpass NFC-Sticker erhalten Sie in den nächsten Tagen per Post.
Ja, richtig: Man bekommt einen Sticker, oder, wie wir früher gesagt haben: einen Aufkleber, den man aufs Telefon kleben muss. Haben die Leute, die sich sowas ausdenken, denn keine vierjährigen Kinder, die ALLES abknibbeln, was sie finden können??
Aber selbst wenn man kein Kind hat und sich den NFC-Sticker anklebt, vorsicht! Denn, so heisst es in der FAQ von mypass: „Besitzen Sie ein NFC-fähiges Smartphone und nutzen den mpass NFC-Sticker, deaktivieren Sie bitte in den Einstellungen Ihres Smartphones den NFC-Datenaustausch. Der mpass NFC-Sticker kommuniziert sonst beim Bezahlvorgang  möglicherweise nicht korrekt.

Also, halten wir fest: Die Berliner Sparkasse mag keine NFC-fähigen EC-Karten, warum auch immer. Die Telekom bietet mir als Kunden nur eine Prepaid-Lösung an, und das auch nur noch für wenige Monate, bevor sie Clickandbuy dichtmachen. Und mpass will mir in der Konfiguration meines Handys rumfummeln und einen Aufkleber ans Handy kleben, der keine Woche halten wird.

Leider scheint mir das alles Teil eines größeren Problems zu sein: Moderne Bezahlmethoden sind in Deutschland schwer bis gar nicht durchsetzbar. Drei Beispiele zur Illustration:

Geldkarte: Ich weiß nicht, wer die überhaupt noch kennt. Es war die tolle Idee, dass man Kleinstbeträge (Brötchen, Parktickets, etc.) nicht mehr per Münzen bezahlt, sondern mit meinem Chip auf der EC-Karte, die sowieso jeder von uns in der Tasche hat.  Und zwar ohne PIN oder so – einfach nur die Karte ins Terminal stecken, Grün drücken, und gehen. Aber das ganze System wurde nie richtig akzeptiert und lebt heute lediglich in einer Niesche weiter. Hauptargument dagegen, soweit ich mich erinnern kann: „Wer braucht denn sowas?“
Fahrcard in Berlin: Hier in Berlin versuchen die örtlichen Transportunternehmen seit einiger Zeit, eine RFID-Karte einzuführen, mit der man beim Einsteigen kontaktlos seinen Fahrausweis entwerten kann. Ist eine tolle Idee (die in der prakischen Umsetzung in dieser Stadt natürlich scheitert – scheitert an der Wurstigkeit in der Verwaltung, scheitert am „Not-invented-here-Syndrom„, scheitert an einer völlig albernen „Einsteigen nur vorne!“-Politik der BVG, etc. – aber das ist Material für einen anderen Rant). Aber statt gleich mal groß zu denken und diese Karte zu einem universellen Bezahlsystem für die ganze Stadt zu machen, kann man mit dem Ding gerade mal den ÖPNV benutzen. Das es auch anders geht, zeigt Hong Kong mit der Octopus-Card. Ebenfalls gestartet als eine reine ÖPNV-Karte, ist sie heute das gängiste Zahlungssystem in Hong Kong für Kleinstbeträge. Das ganz klappt schnell, anonym, und sicher. Seit 1997. Also seit 18 Jahren. Und bei uns, in Deutschland? Pustekuchen.
Kreditkarten im Allgemeinen: Selbst die Kreditkarte ist bei uns nicht wirklich angekommen. In Berlin zahlt man 1,50€ mehr im Taxi, wenn man mit Karte zahlen möchte. Und zwar aufgrund einer staatlichen Vorgabe. Dabei wäre es gerade für den Staat deutlich besser, möglicht viele Menschen würden via Kreditkarte bezahlen, denn das macht Steuerhinterziehung schwerer, es verringert die Gefahr von Überfällen auf Taxifahrern, es senkt die Transaktionskosten der Taxibetreiber (vermute ich – Bargeld zu handlen ist aufwändig), etc. Das kein gängiges Kreditkartenunternehmen auf die Idee kommt, diese 1,50€ Strafe für die Nutzung des Produkts zu übernehmen, wundert mich nicht. Aber vielleicht kommt ja irgendwann mal myTaxi auf die Idee, diese Strafe für die Kunden zu übernehmen? Ihr habt es hier zuerst gelesen!
Aber auch sonst: Wer von Euch kennt seinen SecureCode für die Mastercard? Warum kann ich mit deutschen Kreditkarten im Ausland oft nicht bezahlen, weil diese keinen PIN-Code haben? Und warum funktioniert meine Lufthansa(!!)-Kreditkarte in der Türkei nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung – obwohl ich das Star-Alliance-Flugticket mit eben dieser Kreditkarte bezahlt habe?

Ihr merkt es schon, ich bin enorm genervt. Gerade beim Banking wäre so viel möglich – muss denn erst auch hier Apple kommen, oder irgendein Startup, dass mir den Service bietet, den ich möchte?

Dass das ganze tatsächlich systemimmanent ist, zeigt eine Studie des „Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation“ zu „Bank & Zukunft 2015“ (PDF). Nicht nur, dass rund 50% der Banken „Durchsetzung von Kostensenkungsprogrammen“ als eines ihrer „strategischen Leuchtturmprojekte 2015 (!!)“ bezeichneten (S. 7);  das ganze Ergebniss der Studie lässt keine Hoffnung aufkommen:

Den Alternativweg, diese defensive Strategie zugunsten einer innovationsorientierten Vorgehensweise, gründend auf der Entwicklung von Produkten mit hohem Kundennutzen und entsprechenden Margen, fallen zu lassen scheitert unter anderem an der mangelnden Einbindung des Kunden in den Wertschöpfungsprozess. Die Einbeziehung der Kunden in Entwicklungen und Innovationsvorhaben der Banken, fällt noch immer in zu geringem Umfang aus„. (S. 7)

Da ja also offensichtlich niemand bei den Banken auf Kunden wie mich hören wird – so kann ich diesen Beitrag doch in einigen Monaten / Jahren hervorholen und sagen: Seht her, ich hab es Euch gesagt – Ihr habt halt nur nicht zugehört. Also, selbst schuld!

2 Kommentare

  1. Dazu zwei Anmerkungen:

    1) Die GeldKarte war eine Totgeburt. Schon alleine, weil sie gegenüber Bargeld keinen Vorteil, aber massenhaft Nachteile hatte. Auch hier musste ich zum Geldautomaten, um die Karte aufzuladen und konnte dann nur bei wenigen Händlern damit bezahlen. Wenn ich am Geldautomaten die gleiche Summe in bar mitgenommen habe, konnte ich überall damit bezahlen. Dazu kommt noch die Tatsache, dass die Banken Schattenkonten mit allen Transfers geführt haben, aber etwa bei Verlust der Karte nicht in der Lage waren, einem das Geld irgendwie zurückzuerstatten. Das ist nicht Innovationsfeindlichkeit, das war einfach ein schlechtes Produkt.

    2) Die EC-Karte ist schon extrem gut, auch im Vergleich zu Kreditkarten. Sie sind halbwegs sicher, zumindestens aber sicherer als die z.T. völlig ungesicherten Kreditkartenzahlungen. Der Bezahlvorgang geht recht schnell, sowohl mit PIN oder Unterschrift. Ich kann auch nicht wahllos auf Kredit kaufen, sondern nur solange, bis das Konto leer ist.

    Und da liegt IMHO auch der Grund, warum sich mobile Zahlungsweisen nur schwer durchsetzen: Die EC-Karte ist einfach zu gut, jeder hat eine und sie funktioniert problemlos.

    • Zur Geldkarte: Ja und nein. Es ging ja nicht um den Ersatz von Bargeld, sondern um den Ersatz für Münzen. Und das ist bei Automaten schon sehr gut, bzw. es wäre sehr gut. Dass das ganze Setup der Geldkarte natürlich nicht doll war, da stimme ich Dir zu.
      Ich bin ein großer EC-Karten Freund, und ich sehe die Vorteile. Genau deshalb verstehe ich ja auch nicht, warum die Berliner Sparkasse nicht die Gunst der Stunde nutzt (Aldi) und die EC-Karte mit NFC-Funktionalität ausstattet und damit weiter stärkt.

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