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Gehe in das Gefängnis, begib dich direkt dort hin

By Sidvics (Own work) [CC BY-SA 3.0)

By Sidvics (Own work) [CC BY-SA 3.0)

Ich glaube, kein Mensch in meinem Freundes- oder auch in meinem erweiterten Bekanntenkreis saß schon einmal im Gefängnis. Gefängnisse sind etwas für “die anderen”, nicht “für uns”. Und wer im Gefängnis sitzt, der ist ja selber schuld, hat er doch zumeist Schuld auf sich geladen, anderen Menschen geschadet, sie verletzt, vielleicht sogar getötet (oder sie sind nur schwarzgefahren, aber das ist eine andere Geschichte). Warum also sollte sich jemand außerhalb von Gefängnissen um Gefangene kümmern?

Weil es bitter, bitter nötig ist.

Und einfach.

Vor vielen Jahren, als ich beruflich nicht ausgelastet war und nach einer Möglichkeit suchte, mich ehrenamtlich zu engagieren, schaute ich mir “den Markt” genauer an. Es sollte etwas mit Menschen sein, es sollte tatsächlich etwas bewirken, und es sollte in einem Bereich sein, der mir selbst möglichst viele neue Erfahrungen versprach. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf kam, aber ich wurde Vollzugshelfer (und ja, der Artikel in der Wikipedia ist von mir angelegt). Das sind Menschen, die sich regelmässig mit einem Strafgefangenen treffen, mit ihm quatschen, ihm zuhören, einfach da sind.

Die Idee dahinter? Gefangene haben tatsächlich in der Regel ausschließlich Kontakt zu Menschen, die direkt mit ihrer Tat in Verbindung stehen: Die Mitarbeiter in der JVA, vom Schließer zum Therapeuten; Anwalt, Anstaltsarzt, Mitgefangene. Auch die eigene Familie, Frau, Kinder, Eltern, sie alle sind direkt betroffen von der Tat des Gefangenen. Somit ist die Tat 24 Stunden präsent, sie ist bei jedem Besuch mit dabei- außer bei den Treffen mit dem Vollzugshelfer. Der hat damit nix zu tun, er hat keine Karten im Spiel, ist nicht betroffen – und das macht einen Riesenunterschied für die Gefangenen.

(Und dann gibt es noch einen praktischen Aspekt: Strafgefangene dürfen kaum Kontakt zur Außenwelt haben. Die Besuchszeiten sind extrem knapp bemessen, die Besuchszeit, auf die ein Gefangener Anspruch hat, beträgt gerade mal eine Stunde. Im Monat. Anders bei den Vollzugshelfern: Diese dürfen “ihren” Gefangenen so oft wie sie möchten und so lange wie sie möchten besuchen. Das darf sonst nur der Anwalt.)

Ich habe enorm viel gelernt in den 1.5 Jahren, in denen ich bisher als Vollzugshelfer tätig war. Ich habe eine völlig neue Welt kennengelernt, ich denke, ich konnte in meiner Zeit etwas positives bewirken. Wer Interesse hat: In Berlin kümmert sich der Verein “Freie Hilfe Berlin e.V.” um Vollzugshelfer, und ähnliche Einrichtungen gibt es in vielen anderen Bundesländern ebenfalls.

Falls Euch das zu viel Aufwand ist, oder ihr schlicht die Zeit nicht habt, Euch längerfristig zu binden, dann könnt ihr auch Gefangene auf andere Art unterstützen: Geld ist im Gefängnis extrem knapp, und geht oft für das Notwendige drauf. Zeitungen und Zeitschriften gehören da oft nicht dazu. Deshalb gibt es den Verein “Freiabonnements für Gefangene e.V.”, der Patenschaften zwischen Euch und Insassen in Gefängnissen herstellt (mehr Infos zur Geschichte des Vereins finden sich hier). Ihr zahlt ein Abo – und der Gefangene bekommt die Zeitung. (In diesem Zusammenhang mal ein riesige Lob an die taz. Die stellt nämlich jedem Gefangenem ein kostenloses Abo zur Verfügung. Jedem. Ohne Frage. Großartig, oder?)

Einmal im Jahr bekomme ich einen Brief von “Freiabonnements für Gefangene e.V.” mit der Bitte, ein Abo zu spenden. Aufgeführt sind die möglichen Titel, wie oft sie bereits gespendet wurden, und wie viele Gefangene derzeit auf ein Freiabo dieser Zeitung warten. Man kann viel Geld ausgeben (etwa 652,80 € für ein Abo der Süddeutschen Zeitung – darauf warten aktuell 95 Gefangene in Deutschland); man kann eine Nische bedienen (etwa durch ein Abo der konkret für 25 € / Jahr – es gibt aber aktuell nur einen Interessenten, also lieber beeilen!). Für gerade mal 72 € bekommt jemand im Gefängnis 12 Ausgaben der Geo und kann im Kopf reisen: oder er liest die Titanic (nur 32,40 € / Jahr!) und lacht vielleicht etwas?

Ich selber spende kein solches Abo. Ich schicke aber jedes Jahr einem Gefangenen ein Weihnachtspaket, voller Süßigkeiten, Tabak, Leckereien, etc. Dazu bekommt man einPaket (kein Symbolbild)en Gefangenen vermittelt (d.h. man bekommt Namen und (JVA-)Anschrift des Empfängers, plus eines meist recht kurzen “Bewerbungsschreibens). Dann packt man das Paket wie man möchte und darf (Alkohol, Drogen, Feilen sind verboten, aber sonst geht fast alles) – und erhält meistens einige Monate später einen kurzen, aber sehr netten Dank von “seinem” Gefangenen zurück. Auch das organisiert der Verein “Freiabonnements für Gefangene e.V.”.

Und wem das alles noch zu viel Aufwand ist: Geldspenden sind sowohl an “Freiabonnements für Gefangene e.V.”, als auch an die “Freie Hilfe Berlin e.V.” möglich (jeweils Direktlinks auf die Spendenseiten).

Ja, Menschen, die im Gefängnis sitzen, haben Schuld auf sich geladen. Und sie sind, im Vergleich mit so vielen anderen, die unsere Hilfe brauchen können, bestimmt keine einfachen Empfänger. Aber geht es bei der Nächstenliebe, beim Verzeihen, beim Helfen nicht auch immer darum:

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.